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Azarius

Kratom Sicherheit und Nebenwirkungen

AZARIUS · Kratom Safety and Side Effects: What the Evidence Actually Shows
Azarius · Kratom Sicherheit und Nebenwirkungen

Definition

Kratom (Mitragyna speciosa) enthält die partiellen µ-Opioidrezeptor-Agonisten Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin. Die Nebenwirkungen reichen von dosisabhängiger Übelkeit und Verstopfung bis hin zu einem dokumentierten Entzugssyndrom bei täglichem Hochdosiskonsum. Dieser Artikel ordnet die Evidenzlage ein — was belegt ist, was strittig bleibt und wo die Daten fehlen.

Kratom Sicherheit und Nebenwirkungen: Was die Studienlage tatsächlich hergibt

Die Blätter von Mitragyna speciosa — einem Rötegewächs aus Südostasien — enthalten Alkaloide, die an Opioidrezeptoren binden. Das ist kein Randdetail, sondern der pharmakologische Kern der Sache. Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin wirken als partielle Agonisten am µ-Opioidrezeptor (Kruegel & Bhatt, 2018), und daraus ergibt sich ein Risikoprofil, das sich in wesentlichen Punkten mit dem klassischer Opioide überschneidet — auch wenn die Substanzen nicht identisch sind. Wer Kratom als „nur eine Pflanze" abtut, hat die Pharmakologie nicht verstanden. Dieser Artikel ordnet ein, was gut belegt ist, was in der Fachwelt strittig bleibt und wo schlicht keine ausreichenden Daten vorliegen. Nebenwirkungen reichen von leichter Übelkeit bei niedrigen Dosen bis hin zu einem dokumentierten Entzugssyndrom bei täglichem Hochdosiskonsum. Sich vor der ersten Einnahme mit dem Nebenwirkungsprofil von Kratom auseinanderzusetzen, ist keine Empfehlung — es ist die Mindestvoraussetzung für einen verantwortungsvollen Umgang.

Nebenwirkungen nach Schweregrad

Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen sind Übelkeit (~25 %), Verstopfung (~24 %) und Mundtrockenheit (~15 %) — sämtlich dosisabhängig und pharmakologisch konsistent mit partieller µ-Opioidrezeptor-Aktivierung (Grundmann, 2017; Swogger & Walsh, 2018). Die folgende Tabelle stützt sich vorwiegend auf die Onlinebefragung von Grundmann (2017) mit 8.049 Kratomkonsumenten sowie das systematische Review von Swogger & Walsh (2018). Beides sind die umfangreichsten verfügbaren Datensätze, wobei beide auf Selbstberichten basieren — mit den entsprechenden methodischen Einschränkungen. Die Angaben beziehen sich auf Blattpulver, sofern nicht anders vermerkt. Extrakte haben ein eigenes, in der Regel deutlich intensiveres Nebenwirkungsprofil (siehe unten).

Schweregrad Nebenwirkung Ungefähre Prävalenz (Selbstbericht) Anmerkungen
Leicht Übelkeit ~25 % der regelmäßigen Konsumenten (Grundmann, 2017) Häufigste Nebenwirkung; dosisabhängig
Leicht Verstopfung ~24 % (Grundmann, 2017) Konsistent mit µ-Opioidrezeptoraktivität im Darm
Leicht Mundtrockenheit ~15 % (Swogger & Walsh, 2018) Über alle Dosisbereiche hinweg berichtet
Leicht Appetitlosigkeit ~15–20 % (Grundmann, 2017) Tritt häufig zusammen mit Übelkeit auf
Leicht Schwindel / Benommenheit ~10–15 % Häufiger bei höheren Dosen
Mittel Schwitzen ~10 % (Grundmann, 2017) Besonders ab Dosen über 5 g Blattpulver
Mittel Reizbarkeit / Stimmungsschwankungen ~10 % bei täglichen Konsumenten Vor allem zwischen den Dosen bei abhängigen Nutzern
Mittel Schlafstörungen Variabel Manche berichten Schlaflosigkeit, andere Sedierung — dosisabhängig
Mittel Toleranzentwicklung Mehrheit der täglichen Konsumenten (Singh et al., 2014) Baut sich bei täglicher Einnahme rasch auf
Schwer Entzugssyndrom Dokumentiert bei täglichem Hochdosiskonsum Muskelschmerzen, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Rhinorrhö — siehe Abschnitt unten
Schwer Hepatotoxizität Selten — ausschließlich Fallberichte Mechanismus wird untersucht; Inzidenz auf Bevölkerungsebene unklar
Schwer Krampfanfälle Selten — Fallberichte, meist Mischkonsum Fast alle publizierten Fälle betrafen Koingestion anderer Substanzen

Was auffällt: Die leichten Nebenwirkungen — Übelkeit, Verstopfung, Mundtrockenheit — sind dosisabhängig, in der Regel selbstlimitierend und exakt das, was man von einem partiellen µ-Opioidagonisten erwarten würde. Die meisten Gelegenheitskonsumenten bei moderaten Dosen werden irgendeine Kombination davon erleben. Die schweren Nebenwirkungen, insbesondere Hepatotoxizität und Krampfanfälle, tauchen in Fallberichten auf, nicht in Populationsstudien, und gehen fast immer mit Störfaktoren einher — andere Substanzen, Vorerkrankungen oder Extraktkonsum. Das macht sie nicht irrelevant, es bedeutet lediglich, dass die tatsächliche Inzidenz unbekannt bleibt.

Extrakte vs. Blattpulver: Ein grundlegend anderes Risikogespräch

Kratomextrakte sind erheblich riskanter als reines Blattpulver. Sie konzentrieren Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin auf ein Niveau, das ein qualitativ anderes pharmakologisches Profil erzeugt (Lydecker et al., 2016). Ein 50x-Extrakt ist nicht „stärkeres Blatt" — es ist ein anderes Produkt mit anderen Dosisschwellen, schnellerer Toleranzentwicklung und einer steileren Abhängigkeitskurve.

Lydecker et al. (2016) stellten fest, dass konzentrierte Kratomprodukte in Berichten über unerwünschte Ereignisse überproportional vertreten waren — gemessen an ihrem Marktanteil. Sämtliche oben aufgeführten Nebenwirkungen werden mit Extrakten wahrscheinlicher, intensiver und unberechenbarer. Aus Übelkeit wird Erbrechen. Aus Sedierung wird ein reales Risiko für Atemdepression, insbesondere in Kombination mit anderen Depressiva. Toleranz, die sich mit Blattpulver über Wochen aufbaut, kann sich mit konzentrierten Produkten innerhalb weniger Tage einstellen.

Wenn du irgendwo eine Dosisangabe liest — etwa „3–5 Gramm" — und nicht spezifiziert wird, ob sich das auf Blatt oder Extrakt bezieht, ist die Information unvollständig und potenziell gefährlich. Beides ist nicht austauschbar. Die Frage, ob du Blattpulver oder Extrakt vor dir hast, steht am Anfang, nicht am Ende der Überlegung. Genaue Dosierungsangaben für verschiedene Zubereitungsformen findest du im Kratom-Dosierungsguide im Azarius Wiki.

Abhängigkeit und Entzug

Bei täglichem Hochdosiskonsum entwickelt sich ein anerkanntes Entzugssyndrom, das typischerweise 12–24 Stunden nach der letzten Dosis einsetzt und um Tag 2–3 seinen Höhepunkt erreicht (Singh et al., 2014; Saingam et al., 2013). Das ist in der Fachliteratur gut belegt und pharmakologisch schlüssig: Partielle µ-Opioidagonisten erzeugen physische Abhängigkeit über dieselben Rezeptorsysteme wie klassische Opioide — wobei der Ceiling-Effekt der partiellen Agonisten die Schwere in manchen Fällen abmildern kann.

Typische Entzugssymptome umfassen:

  • Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Schlaflosigkeit und Unruhe
  • Reizbarkeit und Angst
  • Rhinorrhö (laufende Nase) und tränende Augen
  • Schwitzen und Hitzewallungen
  • Verminderter Appetit
  • Durchfall (seltener als bei klassischen Opioiden)

Der Beginn liegt typischerweise bei 12–24 Stunden nach der letzten Einnahme, der Höhepunkt um Tag 2–3, und die Symptome klingen in den meisten dokumentierten Fällen innerhalb von 5–7 Tagen ab (Singh et al., 2014). Die Schwere wird allgemein als milder beschrieben als bei Entzug von Vollagonisten wie Morphin oder Heroin — doch „milder" bedeutet nicht angenehm, und die individuelle Variabilität ist erheblich.

Was in der Fachwelt strittig bleibt, ist die Schwelle für klinisch relevante Abhängigkeit. Tägliche Hochdosiskonsumenten — mehrere Dosen pro Tag, häufig über Monate eskalierend — entwickeln zweifelsfrei physische Abhängigkeit. Ob moderate oder gelegentliche Konsumenten (etwa 2–3 Mal pro Woche bei niedrigen Dosen) eine Abhängigkeit entwickeln, die zu Entzugssymptomen führt, ist weniger klar. Die Datenlage ist dünn, stammt aus kleinen Stichproben mit großer Streuung und betrifft überwiegend Populationen mit täglichem Konsum. Jede regelmäßige Anwendung automatisch mit täglichem Hochdosiskonsum gleichzusetzen, überzeichnet die Evidenz — gelegentlichen Konsum als grundsätzlich risikofrei darzustellen, unterschätzt sie.

Toleranz baut sich bei aufeinanderfolgender täglicher Einnahme rasch auf. Das ist kein Vielleicht, sondern ein konsistenter Befund über Befragungsdaten und ethnographische Studien aus Südostasien hinweg (Vicknasingam et al., 2010). Tägliche Konsumenten berichten in der Regel, dass sie innerhalb von 1–2 Wochen mehr Material benötigen, um denselben Effekt zu erzielen — was zur Dosiseskalation führt, die wiederum die Abhängigkeit vertieft. Dieser Kreislauf ist der vorhersehbarste Weg in Entzugsprobleme. Wer sich mit der Sicherheit und den Nebenwirkungen von Kratom beschäftigt, sollte verstehen, dass Abhängigkeit das zentrale Langzeitrisiko darstellt.

Hepatotoxizität: Was die Fallberichte zeigen

Kratom-assoziierte Leberschädigungen sind selten, aber dokumentiert. Sie präsentieren sich typischerweise als cholestatische oder gemischt hepatozellulär-cholestatische Schädigung mit Ikterus und erhöhten Leberenzymen (Kapp et al., 2011; Dorman et al., 2015). In den meisten publizierten Fällen normalisierten sich die Leberwerte nach Absetzen der Substanz.

Der zugrunde liegende Mechanismus wird aktiv erforscht. Ob es sich um eine direkte toxische Wirkung handelt, eine idiosynkratische immunvermittelte Reaktion oder um einen Zusammenhang mit Kontaminanten oder Beimischungen in bestimmten Produkten — das ist derzeit nicht geklärt. Die European drug monitoring bodies hat Kratom unter den neuen psychoaktiven Substanzen aufgeführt, die hinsichtlich hepatischer Nebenwirkungen beobachtet werden sollten, wobei systematische europäische Daten begrenzt bleiben. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) führt Kratom als psychoaktive Substanz mit Abhängigkeitspotenzial, ohne jedoch spezifische Hepatotoxizitätsdaten für den deutschen Markt zu liefern. Die Inzidenz auf Bevölkerungsebene ist unbekannt — Fallberichte sagen dir, dass etwas passieren kann, nicht wie häufig es passiert. Angesichts von Millionen Kratomkonsumenten weltweit und der relativ geringen Zahl an Hepatotoxizitätsberichten mag das absolute Risiko niedrig sein — aber das ist Schlussfolgerung, nicht Datenlage.

Jede Person mit vorbestehender Lebererkrankung oder unter gleichzeitiger Einnahme hepatotoxischer Medikamente sollte dieses Risiko als real und relevant betrachten, nicht als theoretisch.

Gefährliche Kombinationen

Das akut gefährlichste Risiko bei Kratom entsteht nicht durch die Substanz allein, sondern durch die Kombination mit anderen zentralnervös dämpfenden Stoffen (Olsen et al., 2019). Die partielle µ-Opioidagonisten-Wirkung von Kratom greift in dieselben Systeme ein wie andere ZNS-Depressiva — und die Effekte können sich addieren oder übersteigen.

Folgende Kombinationen sind mit dokumentiertem Risiko verbunden:

  • Andere Opioide (verschreibungspflichtig oder anderweitig) — additives Atemdepressionsrisiko. Nahezu alle kratom-assoziierten Todesfälle in der publizierten Literatur betrafen Koingestion anderer Opioide oder Depressiva (Olsen et al., 2019).
  • Benzodiazepine — potenzierte Sedierung und Atemdepression.
  • Alkohol — verstärkte Sedierung, Übelkeit und ZNS-Dämpfung.
  • MAO-Hemmer (Monoaminoxidase-Hemmer) — theoretisches Risiko einer serotonergen oder hypertensiven Krise angesichts der Kratomaktivität an adrenergen und serotonergen Rezeptoren.
  • CYP3A4-Inhibitoren (Clarithromycin, Ketoconazol, Grapefruitsaft) — die Hauptalkaloide von Kratom werden über CYP3A4 metabolisiert; eine Hemmung dieses Enzyms erhöht die Plasmakonzentrationen unvorhersehbar (Kamble et al., 2020).
  • CYP2D6-Inhibitoren (Fluoxetin, Paroxetin, Bupropion) — vergleichbare pharmakokinetische Problematik; Komedikation kann sowohl die Kratom- als auch die Medikamentenspiegel verändern.

Eine vollständige Aufschlüsselung der Wechselwirkungen findest du im separaten Artikel zu Kratom-Wechselwirkungen im Azarius Wiki.

Wer Kratom nicht verwenden sollte

Kratom ist kontraindiziert für alle, die aktuell andere Opioide, Benzodiazepine, größere Mengen Alkohol oder MAO-Hemmer einnehmen (Olsen et al., 2019; Kamble et al., 2020). Auf Basis des pharmakologischen Profils und der verfügbaren Daten zu unerwünschten Ereignissen gelten folgende klare Kontraindikationen:

  • Gleichzeitige Einnahme von Opioiden, Benzodiazepinen oder Alkohol
  • Aktuelle Medikation mit MAO-Hemmern
  • Medikation mit CYP3A4- oder CYP2D6-Inhibitoren (siehe Liste oben)
  • Vorbestehende Lebererkrankung oder gleichzeitige Einnahme hepatotoxischer Medikamente
  • Schwangerschaft und Stillzeit — es existieren keine Sicherheitsdaten; Mitragynin überquert im Tiermodell die Plazentaschranke
  • Persönliche oder familiäre Vorgeschichte mit Substanzgebrauchsstörung — das Abhängigkeitspotenzial ist für diese Population real und relevant

Ein Punkt, der im deutschsprachigen Raum besonders relevant ist: Mehrere gängige SSRI-Antidepressiva (Fluoxetin, Paroxetin) sind CYP2D6-Inhibitoren, die die Kratom-Alkaloidspiegel unvorhersehbar erhöhen können. Wer Antidepressiva einnimmt und über Kratomkonsum nachdenkt, sollte das zuerst mit dem verschreibenden Arzt besprechen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat wiederholt auf die Risiken pharmakokinetischer Wechselwirkungen bei nicht zugelassenen psychoaktiven Substanzen hingewiesen.

Risikominimierung in der Praxis

Die wirksamste einzelne Harm-Reduction-Maßnahme ist der Verzicht auf täglichen Konsum — denn genau der Kreislauf aus Toleranz, Dosiseskalation und Abhängigkeit ist für die meisten schwerwiegenden Nebenwirkungen verantwortlich (Singh et al., 2014). Risikominimierung bei Kratom ist nicht kompliziert, setzt aber voraus, dass man die Substanz ernst nimmt, statt sie als harmloses Kräuterpräparat ohne Schattenseiten zu behandeln.

  • Blatt und Extrakt klar trennen. Wisse, was du verwendest, und dosiere entsprechend. Bei Blattpulver ist das Dosierfenster deutlich verzeihender als bei Extrakten. Befragungsdaten (Grundmann, 2017) deuten darauf hin, dass die meisten selbstberichteten Nebenwirkungen bei höheren Dosen auftreten — und „höhere Dosen" erreicht man mit Extrakten wesentlich schneller.
  • Täglichen Konsum vermeiden. Toleranz baut sich bei aufeinanderfolgender täglicher Einnahme rasch auf. Konsumfreie Tage zwischen den Einnahmen sind der wirksamste Schutz vor Abhängigkeit.
  • Nicht mit Depressiva kombinieren. Das schließt Alkohol, Benzodiazepine und andere Opioide ein. Die überwiegende Mehrheit schwerwiegender Nebenwirkungen in der Literatur betrifft Mischkonsum.
  • Dosis und Häufigkeit protokollieren. Dosiseskalation geschieht oft schleichend und unbewusst. Wenn du merkst, dass du mehr Material brauchst, um denselben Effekt zu erzielen, ist das Toleranz — und damit die Auffahrt zur Abhängigkeit.
  • Auf Lebersymptome achten. Unerklärlicher Ikterus, dunkler Urin, heller Stuhl oder anhaltende Müdigkeit nach Beginn eines regelmäßigen Kratomkonsums erfordern sofortige ärztliche Abklärung.
  • Ehrlich zur eigenen Vorgeschichte sein. Wer eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte mit Substanzgebrauchsstörungen hat, für den ist das Abhängigkeitsrisiko bei Kratom nicht hypothetisch.
  • Eine Waage benutzen. Pulverdosen nach Augenmaß abzuschätzen ist unzuverlässig. Eine einfache Digitalwaage mit 0,1-g-Genauigkeit kostet wenig und eliminiert eine der häufigsten Fehlerquellen bei der Dosierung.

Ein Muster, das sich immer wieder zeigt: Jemand beginnt mit Blattpulver zwei- oder dreimal pro Woche, findet es hilfreich, und nimmt innerhalb eines Monats täglich. Die Rückmeldung lautet dann „es wirkt nicht mehr" — das ist Toleranz. Diesen Kreislauf frühzeitig zu erkennen, bevor die Eskalation einsetzt, ist der Punkt, an dem Harm Reduction am meisten bewirkt.

Kratom im Vergleich zu klassischen Opioiden

Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin sind partielle Agonisten am µ-Opioidrezeptor — im Unterschied zu Vollagonisten wie Morphin, Heroin oder Fentanyl (Kruegel & Bhatt, 2018). Partielle Agonisten haben einen Ceiling-Effekt: Ab einer bestimmten Dosis erreicht die Rezeptoraktivierung ein Plateau, statt weiter anzusteigen. Dieser Ceiling-Effekt ist wahrscheinlich der Grund, warum Kratom allein — in typischen Blattpulverdosen — ein geringeres Atemdepressionsrisiko zu tragen scheint als Vollagonisten.

Allerdings bedeutet „geringeres Risiko" nicht „kein Risiko". Das Entzugssyndrom ist real, wenn auch in der Regel milder. Abhängigkeit entsteht über dieselben Rezeptorsysteme. Und der Ceiling-Effekt kann durch konzentrierte Extrakte teilweise umgangen werden, die höhere absolute Mengen an 7-Hydroxymitragynin liefern — einem Alkaloid mit stärkerer Rezeptoraffinität als Mitragynin selbst. Im Vergleich zu einer Substanz wie Kava, die über GABA-Signalwege wirkt und nicht über Opioidrezeptoren, ist das Abhängigkeitsprofil von Kratom kategorisch anders und für regelmäßige Konsumenten deutlich bedenklicher.

Langfristige kontrollierte Sicherheitsstudien für die Art und Weise, wie die meisten westlichen Konsumenten Kratom verwenden — als getrocknetes Pulver oder Extrakt, oft täglich, manchmal über Jahre — existieren nicht. Das traditionelle südostasiatische Konsummuster, für das eine längere Erfahrungshistorie vorliegt, unterscheidet sich erheblich vom modernen westlichen Gebrauch. Es gibt keine Daten, die belegen, dass täglicher Langzeitkonsum von Kratompulver sicher ist — weil diese Daten schlicht nicht erhoben wurden.

Wo die Evidenz dünn wird

Langzeitsicherheitsdaten für chronischen täglichen Kratomkonsum über mehr als wenige Jahre existieren in kontrollierter Form praktisch nicht (Vicknasingam et al., 2010). Der traditionelle Gebrauch in Südostasien reicht über Generationen zurück, doch das dortige Konsummuster — frische Blätter kauen, moderate Mengen, eingebettet in körperliche Arbeit in der Landwirtschaft — unterscheidet sich grundlegend vom Konsum konzentrierter Pulver oder Extrakte im westlichen Kontext. Von der Sicherheit des einen auf die des anderen zu schließen, ist ein Sprung, den die Datenlage nicht trägt.

Pharmakokinetische Parameter — Halbwertszeit, maximale Plasmakonzentration, Wirkdauer — stammen aus Studien mit kleinen Stichproben und großer individueller Streuung. Die Zahlen, die man online findet (Halbwertszeit von ~24 Stunden für Mitragynin, Wirkmaximum nach 1–2 Stunden), sind grobe Mittelwerte, keine verlässlichen Vorhersagen für eine einzelne Person oder Zubereitungsform (Trakulsrichai et al., 2015).

Die Unterscheidung nach Sorte und Aderfarbe (rot, grün, weiß, gelb) ist kommerzielles Vokabular, keine pharmakologisch validierte Klassifikation. Manche Konsumenten beschreiben unterschiedliche Wirkprofile je nach Aderfarbe, doch kontrollierte Studien, die diese Unterscheidungen stützen, gibt es nicht. Sicherheitsentscheidungen auf Aderfarben zu gründen — „Rot ist sanfter", „Weiß ist anregender" — ist durch Evidenz nicht gedeckt. Die sicherheitsrelevante Variable ist Dosis und Einnahmehäufigkeit, nicht die Farbbezeichnung auf der Verpackung. Wer Kratom mit dem geringsten Risiko nutzen will, beginnt niedrig mit reinem Blattpulver, führt ein Protokoll und legt konsumfreie Tage ein. Das wiegt schwerer als jeder Sortenname.

Quellenverzeichnis

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  • Lydecker, A.G. et al. (2016). Suspected adulteration of commercial kratom products with 7-hydroxymitragynine. Journal of Medical Toxicology, 12(4), 341–349.
  • Olsen, E.O. et al. (2019). Notes from the field: unintentional drug overdose deaths with kratom detected — 27 states, July 2016–December 2017. MMWR Morbidity and Mortality Weekly Report, 68(14), 326–327.
  • Saingam, D. et al. (2013). Pattern and consequences of kratom (Mitragyna speciosa Korth.) use among male villagers in southern Thailand. Journal of Ethnopharmacology, 148(2), 733–738.
  • Singh, D. et al. (2014). Traditional and non-traditional uses of Mitragynine (kratom): a survey of the literature. Brain Research Bulletin, 126, 41–46.
  • Swogger, M.T. & Walsh, Z. (2018). Kratom use and mental health: a systematic review. Drug and Alcohol Dependence, 183, 134–140.
  • Trakulsrichai, S. et al. (2015). Pharmacokinetics of mitragynine in man. Drug Design, Development and Therapy, 9, 2421–2429.
  • Vicknasingam, B. et al. (2010). The informal use of ketum (Mitragyna speciosa) for opioid withdrawal in the northern states of Peninsular Malaysia. Journal of Ethnopharmacology, 130(3), 631–635.
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Kratom — Informationen zu psychoaktiven Substanzen. dhs.de.

Zuletzt aktualisiert: April 2026

AZARIUS · Quellenverzeichnis
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Häufig gestellte Fragen

Welche Nebenwirkungen hat Kratom am häufigsten?
In der bislang größten Befragung (Grundmann, 2017, n = 8.049) waren Übelkeit (~25 %), Verstopfung (~24 %) und Mundtrockenheit (~15 %) die häufigsten selbstberichteten Nebenwirkungen. Alle drei sind dosisabhängig und konsistent mit partieller µ-Opioidrezeptoraktivierung.
Macht Kratom abhängig?
Ja, bei täglichem Hochdosiskonsum entwickelt sich physische Abhängigkeit mit dokumentiertem Entzugssyndrom (Singh et al., 2014). Toleranz baut sich innerhalb von 1–2 Wochen täglicher Einnahme auf. Ob gelegentlicher Konsum (2–3 Mal pro Woche) klinisch relevante Abhängigkeit erzeugt, ist aus der aktuellen Datenlage nicht klar ableitbar.
Sind Kratomextrakte gefährlicher als Blattpulver?
Deutlich. Extrakte konzentrieren die Wirkstoffe auf ein Vielfaches, was Dosisschwellen senkt, Toleranz schneller aufbaut und die Abhängigkeitskurve steiler macht (Lydecker et al., 2016). Das Dosierfenster zwischen erwünschter Wirkung und unangenehmen Nebenwirkungen schrumpft erheblich.
Kann Kratom die Leber schädigen?
Kratom-assoziierte Leberschädigungen sind selten, aber in Fallberichten dokumentiert — typischerweise als cholestatische Schädigung mit Ikterus (Kapp et al., 2011; Dorman et al., 2015). Die Inzidenz auf Bevölkerungsebene ist unbekannt. Personen mit Vorerkrankungen der Leber sollten dieses Risiko ernst nehmen.
Welche Substanzen darf man nicht mit Kratom kombinieren?
Andere Opioide, Benzodiazepine, Alkohol und MAO-Hemmer sind die riskantesten Kombinationen. Fast alle kratom-assoziierten Todesfälle in der Literatur betrafen Mischkonsum (Olsen et al., 2019). CYP3A4- und CYP2D6-Inhibitoren können die Kratom-Plasmaspiegel unvorhersehbar erhöhen.
Wie lange dauert ein Kratomentzug?
Symptome beginnen typischerweise 12–24 Stunden nach der letzten Dosis, erreichen um Tag 2–3 ihren Höhepunkt und klingen in den meisten dokumentierten Fällen innerhalb von 5–7 Tagen ab (Singh et al., 2014). Die Schwere wird als milder beschrieben als bei Vollagonisten-Entzug, variiert aber individuell stark.
Was sind die häufigsten Nebenwirkungen von Kratom?
Die am häufigsten gemeldeten Nebenwirkungen von Kratom-Blattpulver sind Übelkeit (~25 % der regelmäßigen Anwender), Verstopfung (~24 %) und Mundtrockenheit (~15 %), laut der Grundmann-Umfrage (2017) mit 8.049 Teilnehmern und dem Review von Swogger & Walsh (2018). Appetitlosigkeit (~15–20 %) und Schwindel (~10–15 %) treten ebenfalls häufig auf. Alle Nebenwirkungen sind dosisabhängig und stehen im Einklang mit der partiellen mu-Opioidrezeptor-Aktivität der Kratom-Alkaloide.
Ist es sicher, Kratom täglich einzunehmen?
Täglicher Kratom-Konsum birgt erhebliche Risiken. Laut Singh et al. (2014) entwickelt die Mehrheit der täglichen Anwender eine Toleranz, was steigende Dosen erfordert. Täglicher starker Gebrauch ist mit einem anerkannten Entzugssyndrom verbunden — darunter Muskelschmerzen, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und laufende Nase. Nebenwirkungen wie Schwitzen und Stimmungsschwankungen (~10 % bei täglichen Nutzern) verstärken sich zwischen den Dosen. Intermittierender Konsum mit regelmäßigen Pausen reduziert das Abhängigkeitsrisiko deutlich.
Kann man eine Überdosis Kratom nehmen?
Tödliche Überdosierungen allein durch Kratom sind zwar selten, doch sehr hohe Dosen können ernste Nebenwirkungen wie Atemdepression, Krampfanfälle, einen beschleunigten Herzschlag und Bewusstlosigkeit auslösen. Das Überdosierungsrisiko steigt deutlich, wenn Kratom zusammen mit anderen Substanzen wie Opioiden, Benzodiazepinen oder Alkohol konsumiert wird. In den meisten dokumentierten Todesfällen mit Kratom-Bezug war ein Mischkonsum im Spiel – nicht Kratom als alleinige Substanz.
Ist der Konsum von Kratom in der Schwangerschaft oder Stillzeit unbedenklich?
Kratom während der Schwangerschaft einzunehmen gilt als nicht sicher, da die enthaltenen Alkaloide die Plazentaschranke passieren können und mit dem neonatalen Abstinenzsyndrom bei im Mutterleib exponierten Neugeborenen in Verbindung gebracht werden. Babys von Müttern, die in der Schwangerschaft Kratom verwendet haben, können Entzugserscheinungen zeigen, die eine ärztliche Behandlung erfordern. Auch in die Muttermilch gehen die Alkaloide über, weshalb von einer Anwendung in der Stillzeit grundsätzlich abgeraten wird.

Über diesen Artikel

Adam Parsons ist ein erfahrener Cannabis-Autor, Redakteur und Schriftsteller mit langjähriger Mitarbeit an Fachpublikationen in diesem Bereich. Seine Arbeit umfasst CBD, Psychedelika, Ethnobotanika und verwandte Themen.

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Zuletzt geprüft am 24. April 2026

References

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